KURT SCHWERTSIK

Datum: 18.02.2005
Beginn: 19:00
Ort: SEAD, Schallmooser Hptstr. 48, 5020 Salzburg
Interpreten
· Ensemble Wiener Collage
Programm
· K. Schwertsik Adieu Satie … 
für Bandoneon und Streichquartett op. 86
Wake 
op 70
· F. Keil Drei Referenzen 
für Akkordeon und Streichquartett
· R. Stiegler „Parlando“ a fantasy with four in one 
für Akkordeon und Streichquartett
· Z. Wysocki Quintettino 
für Akkordeon und Streichquartett op.53 (1994/95)
Ensemble Wiener Collage
wurde 1987 von drei Komponisten, Erik Freitag, Eugene Hartzell und René Staar gegründet, vor allem, um ein Instrument zu haben, das stilistische Vielseitigkeit in der Neuen Musik propagieren würde.
Erste Konzerte beim Musikprotokoll des Steirischen Herbst, dem Aspekte Festival Salzburg und dem Musikalischen Sommer der Stadt Wien fanden in der Saison 1987/88 statt. Im Jahr 1991 fanden die ersten internationalen Projekte, eine Tournee nach Japan und eine in die USA statt, 1992 folgte ein Ernst Krenek Gedenkkonzert bei den Wiener Festwochen.
Durch Kompositionsaufträge - zunächst an österreichische Komponisten, später an Komponisten aus ganz Europa - hat das Ensemble es fertig gebracht, dass bis heute über 200 Kompositionen aus der Feder von ca. 75 Komponisten uraufgeführt werden konnten. Das Ensemble hat sich bei seinen Aktivitäten nicht nur dem Schaffen international anerkannter Komponisten gewidmet (wie z.B. György Ligeti, Friedrich Cerha, Roman Haubenstock-Ramati, Iannis Xenakis etc.) sondern ganz gezielt bislang unbekannte Komponisten entdeckt (z.B. Zdzislaw Wysocki, Wladimir Pantchev, Alexander Shtchetynsky, Dusan Martincek, Ramon Lazkano etc.). Bei verschiedenen Festivals (u.a. Wien Modern, Salzburger Festspiele, melos-ethos Festival, Kölner Philharmonie, Festival Kontraste, Nuovi Spazi Sonori, 1. Festival für Neue Musik in Lissabon, etc.) konnten diese Werke präsentiert werden. Diese Arbeit hat zur Veröffentlichung mehrerer CDs geführt, die das Schaffen seiner Komponisten dokumentiert.
Seit 1998 bestreitet das Ensemble einen Zyklus im Arnold Schönberg Center. Die Wiener Philharmoniker haben die Patronanz dieses Zyklus übernommen, sowie die Ernst von Siemens Stiftung, die die Konzerte zwischen 2001 und 2004 gefördert hat. Dieser Zyklus hat die Erarbeitung von Werken der 2. Wiener Schule und seiner unmittelbaren Nachfolge, die seit Gründung des Ensembles neben der Neuen Musik im Mittelpunkt gestanden ist, intensiviert.
Im Herbst 2004 hat das EWC einen Schwerpunkt mit Werken von Luciano Berio, Salvatore Sciarrino und Luigi Nono gestaltet und ein Akkordeonkonzerts von Erich Urbanner, das Klarinettenkonzert „Transparencies“ von Dora Cojucaru und weitere Werke, auch bei den drei Konzerten, die das Ensemble in New York im September 2004 gespielt hat, uraufgeführt.
K. Schwertsik
Kurt Schwertsik, 1935 in Wien geboren, studierte an der Wiener Musikakademie Komposition bei Joseph Marx und Karl Schiske sowie Horn bei Gottfried Freiberg. Weitere Studien folgten in Darmstadt und Köln bei Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel und John Cage. 1955–1959 sowie 1962–1968 Anstellung als Hornist beim Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester, von 1968 – 1989 Hornist bei den Wiener Symphonikern. 1958 gründete er gemeinsam mit dem Komponisten Friedrich Cerha das Wiener Ensemble für Neue Musik „die reihe“. 1965 organisierte er gemeinsam mit Otto M. Zykan in Wien die ersten „Salonkonzerte“ – 1968 gründete er mit seinen Freunden Zykan und Heinz Karl Gruber das Ensemble „MOB art & tone ART“, für das er u. a. die Symphonie im MOB-Stil op. 19 schrieb. 1966 Gastprofessur für Komposition und Analyse an der University of California in Riverside. Diese Lehrtätigkeit nahm er 1979–1988 wieder auf, als er die Kompositionsklasse am Wiener Konservatorium leitete. Von 1989 bis zu seiner Emeritierung 2003 unterrichtete er als ordentlicher Professor Komposition an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien. Lebt und arbeitet in Wien.
Kompositionsaufträge, Werkpräsentationen und Aufführungen u.a. bei den Darmstädter Ferienkursen, der EXPO in Montreal, beim steirischen herbst, den Wiener Festwochen, den Salzburger Festspielen, beim SWF Baden- Baden, dem ORF, der Kölner Oper, am Württembergischen Staatstheater, beim Bath Festival, den Berliner Festwochen, beim Londoner Almeida Festival und beim Festival „Alternative Vienna“ in London. 1992 einer der vier Hauptkomponisten bei „Wien modern“.
Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. Würdigungspreis der Republik Österreich (1974), Musikpreis der Stadt Wien (1980) und Großer Österreichischer Staatspreis (1992).
Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Oper Fanferlieschen Schönefüßchen, der fünfteilige Orchesterzyklus Irdische Klänge, Solokonzerte für Violine, Schlagzeug, Gitarre, Kontrabass, Alphorn, Posaune sowie die Instant Music für Flöte und kleines Orchester, die vier Ballette für Hans Kresnik Macbeth, Frida Kahlo, Nietzsche und Gastmahl der Liebe und der Zyklus Starckdeutsche Lieder und Tänze für Bariton und Orchester nach Texten von Matthias Koeppel. In den letzten Jahren fand der Komponist besondere Beachtung mit seiner Sinfonia-Sinfonietta (uraufgeführt im Wiener Musikverein), dem Musiktheater Roald Dahl´s „Goldlöckchen“, der Schrumpf- Symphonie (uraufgeführt beim Millenniumskonzert im Salzburger Mozarteum unter Roger Norrington), dem Violinkonzert No. 2 „Albyazin und Sacromonte“ sowie mit Adieu Satie für Streichquartett und Bandoneon (uraufgeführt vom Alban Berg Quartett) und der Oper Katzelmacher nach Rainer Werner Fassbinder (uraufgeführt 2003 in Wuppertal).
Die (Wieder)Hinwendung zur Tonalität in Kurt Schwertsiks Schaffen der 60er Jahre, war gleichzeitig das Infragestellen der scharfen ästhetischen Grenzziehungen und der damit verbundenen Enge der Darmstädter Kulturdoktrin. Nicht „an den Realitäten im urbanen Alltag achtlos vorbeizugehen“, war eine Maxime von Kurt Schwertsik, dessen „MOB art & tone ART“-Versuche in den Sechziger Jahren darauf abzielten, nach Vorbild von Erik Satie und John Cage dem Nicht-Elitären den Status des Künstlerischen einzuräumen. Jenseits von Bewertung begegnen sich Elemente des Jazz, des Kabaretts, der Unterhaltungsmusik, sowie die Adaptierung von dadaistischen und futuristischen Techniken – wie auch Heinz Karl Gruber und Otto M. Zykan – die stilistisch-ästhetische Grenzüberschreitung zwischen Kunst als „subversiver Unterhaltung“ und als „anspruchsvolle Ordnung und Form“. Schwertsiks Ästhetik ist die Vielfalt der musikalischen Kommunikationsmöglichkeiten, die ihn in seinen Werken nach Transparenz und Verständlichkeit suchen lässt. Techniken der Minimal Music mit suggestiven, repetitiven Mustern finden in sein Schaffen Eingang, Tendenzen einer „Neuen Einfachheit“, die Musik wieder von ihrem Emotionsgehalt erlebbar machen will, werden spürbar. (E. Moschitz)
Adieu Satie … für Bandoneon und Streichquartett op. 86
Satie war ein aberwitziger Mensch, dessen Armut und Schwierigkeiten teils selbst gemacht und beabsichtigt waren.. Die Widersprüchlichkeit in seinen Werken, stellenweise extrem langweilig zu sein, dann wieder höchst spannende Musik zu schreiben, diese durchaus selbstgewählte Isolation durch antikünstlerisches Verhalten war an sich schon bedrohlich fürs Establishement und blieb nicht ohne Folgen.
K. S.
Wake op 70
Beim Streichquartett „WAKE“ ist atmosphärisch ein h.c. artmann Text („persische quartrainen, ein kleiner divan“) vertont, der im letzten Teil in die Partitur genommen wurde, aber nicht gesprochen oder gesungen wird:

VII.
o garten den die nachtigall
verließ
und ihn der trauer krähe
überließ
sieh: welch ein krähengarten
ward mir meine hand nachdem mir deine hand die hand
verließ

K.S.
F. Keil
geboren 1957 in Wien studierte nach der Matura am Musikgymnasium und Ausbildung am Konservatorium Wien (Rüdiger Seitz) von 1979-1984 Komposition bei Kurt Schwertsik, 1984 – 89 Komposition an der MHS Wien bei Friedrich Cerha, weiters Violine, Gambe, Zwölftonspiel nach Hauer (Victor Sokolowski), Jazztheorie.
Er war 1981 Mitbegründer des Josquin-Ensembles Wien, konzertierte in Österreich, Deutschland und Italien mit alter und neuer Musik, 1987/1988 Organisationsleiter beim „Projekt Uraufführungen“, 1989 Mitbegründer der Komponisten- und Künstlervereinigung Ambitus, ab 1990 bisher 20 Konzerte mit 120 Werken von etwa 40 zeitgenössischen Komponisten und Komponistinnen unter Einbeziehung anderer Kunstsparten, ab 1991 experimentelle künstlerische Arbeit mit behinderten Jugendlichen: Filme, Hörspiele, Musikstücke, Videoclips, Comics u. a.
Preise & Wettbewerbe:
1987 Arbeitsstipendium der Stadt Wien, 1989 Förderungspreis der Theodor-Körner-Stiftung, 1995 Förderungspreis der Stadt Wien, 1998 Staatsstipendium für Komposition der Republik Österreich
Konzerte: Wien: Konzerthaus, Hörgänge, Tabakmuseum, Alte Schmiede, Museum des 20. Jahrhunderts, Haus Wittgenstein, Wotrubakirche u. a., Arnold-Schönberg-Haus Mödling, Bregenzer Festspiele, außerdem Aufführungen in London, Paris, München, Passau, Salzburg und Ungarn
Drei Referenzen für Akkordeon und Streichquartett
Gewidmet meinem Lehrer Kurt Schwertsik, von dem ich gelernt habe, sich der Musik (auch) in kleinen Schritten zu nähern. Dass damit (nicht nur) Schritte der Stimmführung gemeint waren, habe ich erst viel später verstanden.
I (folia)
Skepsis und Respektlosigkeit gegenüber Fremdbestimmung jeglicher Art hat Schwertsik eher gelebt als gelehrt. Es ist jedes mal eine besondere Herausforderung die eigene Wahrnehmung und das daraus folgernde ästhetische Denken so zu „verrücken“, dass dieses mit eigenen, authentischen und persönlichen Musiksprache auch übereinstimmt. (from saties factory?)
II (madrigal)
Einfachheit einerseits („Fassen Sie sich kurz!“) und die Liebe zum Detail (Komplexität) andererseits („Wie rechtfertigen Sie diesen Ton???“) sind möglicherweise Widersprüche.
Widersprüche sind ihrerseits nicht lösbar aber lebbar.
Daraus entsteht vielleicht Vielfalt und Reichtum.
III (finale)
Für mich ist Musik absichts- und zwecklos; (Deshalb muss sie sein.)
Danke Kurt Schwertsik für das, was ich bei ihnen zu lernen die Ehre hatte!
Die Suche geht weiter.
fk
R. Stiegler
Geboren 1959 in Wien, ab 1967 Musikstudien (Violine) am Konservatorium der Stadt Wien, ab 1974 widmet er sich autodidaktisch der Komposition und studiert ab 1977 an der Universität Wien Physik und Musikwissenschaft, ab dem 2. Studienabschnitt Konzentration auf Musik: Lehrbefühigungsprüfung Violine, ab 1983 Tonsatz und Komposition bei Kurt Schwertsik und HK Gruber mit dem Abschluss 1997.
1985 Mitbegründer der Wiener Kammerphilharmonie, seit 1987 Bratschist im NÖ Tonkünstlerorchester.
Komponiert Kammermusik, Werke für Orchester und Filmmusik, Aufführungen bei vielen wichtigen Festivals durch prominente österr. Ensembles und Orchester.
„Parlando“ a fantasy with four in one für Akkordeon und Streichquartett
„Parlando“ ist aus einer kontrapunktischen Spielerei entstaden. Der Kanon des Quartetts wird dadurch gebildet, dass alle 4 Instrumente aus der gleichen Stimme lesen, jedoch jedes in seinem Schlüssel und jeweils um 1 Takt versetzt. Um dieses Gewebe rankt sich der freie Part des Akkordeons. Was diese 2 Welten verbindet ist die insistierende parlando Motivik.
R.S.
Z. Wysocki
Geboren 1944 in Poznan (Polen). Nach Matura und Diplom am Musiklyzeum Studien der Komposition (Stefan B. Poradowski, Andrzej Koszewski) an der MHS Posen, Diplom 1968, Mag. art. Von 1969/1970 Studien an der MHS Wien in Komposition (Erich Urbanner), Abschluss 1973, 1978-1980 Elektroakustische Musik (Dieter Kaufmann). Umfangreiche musikpädagogische Tätigkeit, u.a. 1997 an der MHS Graz, Abt. Kirchenmusik: Gastprofessur (Komposition, Tonsatz)
Mitglied des Ensembles Die Kontraste als Pianist, außerdem Chordirigent,
Als Komponist gewann er zahlreiche Preise in Polen und Österreich für Klavier- und Chorliteratur, 1979 ein Staatsstipendium für Komposition. Er ist Träger des „Ordens für Verdienste um die polnische Kultur“.
Konzerte in Polen, USA, Kanada, 1991 Suntory Hall Tokio, 1993 Festival Mitte Europa Plauen, 1995 Melos-Ethos Bratislava, Festival Musica Nova Brasilien, 1996 Hörgänge, Aspekte Salzburg u. v. a.; Rundfunk- und Fernsehproduktionen in Polen, Österreich, Deutschland, Dänemark, Japan und den USA.
Er schrieb Auftragswerke für viele Institutionen, darunter das BMUK, Ensemble Die Kontraste, Ensemble Wiener Collage/René Staar, Jugendstiltheater Wien, Wiener Saxophon Quartett, Festival Mitte Europa, ÖENM, Ison-Ensemle, und andere mehr.
Die Suche nach neuen Klangkombinationen potenziert sich in Wysockis monumentalem Werkkomplex der „Etüden für Kammerensemble“ in vielfältigster Weise und gibt dem Publikum eine Reihe von Rätseln auf. Vielfältig in seiner Struktur und Gestalt sind bislang mehr als 60 Etüden Fundgruben für diejenigen, die das Ausgefallene, Unwahrscheinliche und Futuristische, aber auch das Vergrabene, Vergessene und Unheimliche schätzen….Bisheriger Höhepunkt der internationalen Anerkennung Wysockis ist das Auftragswerk des Dirigenten Kent Nagano für das Berkeley Symphony Orchestra, von dem im Mai 2002 unter Naganos Leitung das Doppelkonzert für zwei Violinen und Orchester op.63 uraufgeführt wurde sowie die Uraufführung des Doppelkonzerts für Harfe, Posaune und Kammerorchester bei den Salzburger Festspielen 2003.
Quintettino für Akkordeon und Streichquartett op.53 (1994/95)
Diese Komposition besteht aus vier knapp formulierten, kontrastreichen Sätzen (Moderato
tranquillo, Con moto Lento, Agitato). Bei den langsamen Sätzen überwiegt die hohe Lage der Instrumente (z.B. Flageolett -Töne der Streicher am Anfang des ersten und zum Schluss des 3. Satzes). Die schnellen Sätze hingegen sind rhythmisch sehr pointiert, wobei neben strenger Rhythmik auch rhythmusfreie Stellen vorkommen.
Quintettino kann man im wesentlichen als Dialog zwischen Akkordeon und Streichquartett bezeichnen.