Konzert I

Werke von Salvatore Sciarrino und Francesco Filidei
Datum: 05.02.2006
Beginn: 19:00
Ort: Große Aula der Universität Salzburg, Universitätsplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
· Klangforum Wien
· Johannes Kalitzke
· Otto Katzameier, Bariton
Programm
· S. Sciarrino Archeologia del telefono 
für Fl., Ob., Klar., Fg., Hr., Tr., 2 Perc., Pf., Vl. Vla., Vc., Kb
· F. Filidei Partita 
für Fl., Klar., Tr., Pos., Vl., Vc., Hf., Pf
· S. Sciarrino Quaderno di strada 
für Bariton, Fl., Ob., Klar., Fg., Tr., Pos., Pf., 2 Perc., 2 Vl., Vla., Vc., Kb


Klangforum Wien
1985 von Beat Furrer als Solisten-Ensemble für zeitgenössische Musik gegründet.
Ein demokratisches Forum mit einem Kern von 24 Mitgliedern. Mitspracherecht der Mitglieder bei allen wichtigen künstlerischen Entscheidungen.
Zentral für das Selbstverständnis der MusikerInnen: die gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Interpreten, Dirigenten und Komponisten, ein Miteinander-Arbeiten, das traditionell hierarchische Strukturen in der Musikpraxis ablöst.
Intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen ästhetischen Facetten des zeitgenössischen Komponierens. – Ein Forum authentischer Aufführungspraxis für die Werke der Moderne.
Große stilistische Vielfalt: Präsentation aller zentralen Aspekte der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts — von den bedeutenden Werken der Klassischen Moderne, besonders der Zweiten Wiener Schule, über Werke junger, vielversprechender KomponistInnen bis hin zu experimentellem Jazz und freier Improvisation.
Regelmäßig KomponistInnenworkshops und musikdidaktische Aktivitäten.
Weltweite Konzerttätigkeit mit über 80 Aufführungen pro Saison, Schwerpunkte sowohl in den großen europäischen Musikzentren als auch in den USA und Japan. Jährlich programmatisch ambitionierter Zyklus im Wiener Konzerthaus.
Weiters Musiktheater-, Film- und Fernsehproduktionen sowie CD-Einspielungen bei Labels wie accord, cpo, durian, Grammont, Musikszene Schweiz, pan classics, Wergo, Kairos.
Seit 1997 ist Sylvain Cambreling Erster Gastdirigent des Klangforum Wien.
Johannes Kalitzke
Geboren 1959 in Köln, studierte Johannes Kalitzke dort 1974 bis 1976 Kirchenmusik. Nach dem Abitur Studium an der Kölner Musikhochschule, Klavier bei Aloys Kontarsky, Dirigieren bei Wolfgang von der Nahmer und Komposition bei York Höller. Ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes ermöglichte ihm einen Studienaufenthalt in Paris am Forschungszentrum IRCAM. Dort war er in dieser Zeit Schüler von Vinko Globokar, in Köln von Hans Ulrich Humpert (elektronische Musik). Sein erstes Engagement als Dirigent führte Johannes Kalitzke 1984 an das Gelsenkirchener "Musiktheater im Revier", wo er in den Jahren 1988 bis 1990 Chefdirigent war. Darüber hinaus übernahm er dort 1986 die Leitung des "Forums für Neue Musik" in der Nachfolge von Carla Henius. 1991 wurde er künstlerischer Leiter und Dirigent der "Musikfabrik", des Landesensembles von Nordrhein-Westfalen.
Seitdem ist er regelmäßig auch als Gastdirigent bei Ensembles (Klangforum Wien) und Sinfonieorchestern, wie etwa jenen des NDR, des SDR und des MDR tätig. Gastdirigate, u. a. bei den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, der Münchener Biennale oder den Dresdener Festspielen, Tourneen nach Rußland, Japan und Amerika sowie zahlreiche CD-Aufnahmqen ergänzen seine Tätigkeit als Interpret klassischer und zeitgenössischer Musik.
Als Komponist erhielt Kalitzke zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Bernd-Alois-Zimmermann-Preis der Stadt Köln, und verzeichnete Erfolge mit Ensembles wie London Sinfonietta, Ensemble Intercontemporain, Klangforum Wien und Orchestern wie dem Sinfonieorchester des SWF. Seit 1996 ist er Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen. Sein Musiktheaterstück "Bericht vom Tod des Musikers Jack Tiergarten" war Beitrag der Münchner Biennale 1996. Seine zweite Oper, "Molière oder die Henker des Komödianten", eine Auftragsarbeit für das Land Schleswig-Holstein, wurde 1998 in Bremen uraufgeführt. Für das Jahr 2000 erhielt Kalitzke ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom.
Das Oeuvre von Johannes Kalitzke ist relativ klein, es umfaßt aber so gut wie alle Werkgattungen vom Solostück für Klavier über kammermusikalische Werke bis zum groß besetzten Orchester.
Charakteristisch für seine Kompositionen sind Bezugspunkte zur Poesie und zur Malerei, die aber keinesfalls dekorativen oder deskriptiven Charakter haben, sondern von jener Art sind, die Pierre Boulez "Lektüre mit Musik" genannt hat.
Die äußert raffinierte Instrumentation dient darum nicht dem Zweck der Klangmalerei, sondern versucht geistige Hintergründe zu erhellen und zu reflektieren.
Kein anderer Begriff als Integration - so meint Josef Häusler in seinem Einführungstext zur 1992 erschienenen CD vom Deutschen Musikrat - sei geeigneter, um das Wesen der Musik von Kalitzke knapp zu umreißen.
Das beginnt mit seiner Vorliebe, Live Musik mit elektronischer zu verbinden (hier ist der Verschmelzungsgrad so dicht, daß man beide Komponenten akustisch kaum voneinander unterscheiden kann). Es betrifft aber auch seine anderen Kompositionen, die auf die elek-tronisch erzeugte Komponente verzichten.
Was Kalitzkes Musik ihr allgemeines wie besonderes Gepräge gibt meint Häusler an anderer Stelle , ist der Charakter einer gebändigten Vielfalt, deren mannigfache Facetten einerseits auf einen inneren Brennpunkt gebündelt erscheinen, andererseits wiederum von dem Brennpunkt her nach außen strahlen.
Nach den überwiegend lyrisch betonten, introvertierten Werken ist sein vielleicht aggressivstes Stück die 1991 enstandene Oper "Bericht über den Tod des Musikers Jack Tiergarten", über die Eberhard von Lewinski (Wiesbadener Tagblatt) schrieb: "Ein starkes Stück. Es mutet viel zu und ist doch keine Zumutung. Es ist kurz und hat doch eigentlich kein Ende ... Die komplizierte, ausgesprochen klinisch anmutende Komposition erzielt ... eine Klangkonzentration, deren unerbittlichem Sog man sich nicht entziehen kann." (Rudolf Lück)
Otto Katzameier, Bariton
Otto Katzameier studierte zunächst Querflöte, später Gesang in seiner Heimatstadt München. Seine wichtigsten Lehrer waren Hans Hotter und Josef Metternich, sowie Konstantin Karapetrov in Sofia, Bulgarien.
Bereits früh errang er Preise u.a. beim Bundeswettbewerb Gesang Berlin, Meistersängerwettbewerb Nürnberg, Mozartwettbewerb Würzburg, Wettbewerb des Deutschen Musikrates Bonn, Hugo Wolf Wettbewerb Stuttgart.
Sowohl in seinen Konzertpartien wie Elias, Brahms Requiem, Verdi Requiem, Messias, Matthäuspassion, etc. als auch mit seinen Stammpartien im Mozart- und Rossinifach wie Don Giovanni, Leporello, Alfonso, Alidoro in La Cenerentola, oder Mustafa in L’Italiana in Algeri, sowie Partien zeitgenössischer Werke wie der Titelpartie des Macbeth von Salvatore Sciarrino oder des Prospero in Un Re in Ascolto von Luciano Berio ist er Gast zahlreicher internationaler Bühnen und Konzertsäle wie Hamburg, Berlin, Frankfurt, Wien, Graz, Luzern, Rom, Madrid, Tel Aviv, Tokyo, New York, und Festivals wie Schwetzinger Festspiele, Musikfestspiele Luzern, Rheingau Festival, Steirischer Herbst, Biennale München, Spoleto Festival, Festival d’Automne Paris, Maggio Musicale Florenz, Lincoln Center Festival New York, Santory Festival Tokyo, Bregenzer Festspiele, uvm.
In der vergangenen Spielzeit brachte Otto Katzameier die Oper Berenice in der Partie des Egäus (Regie Klaus Guth, Dirigent Stefan Asbury) in der Münchner Biennale, den Berliner Festspielen und den Wiener Festwochen, sowie Salvatore Sciarrinos ihm gewidmeten Orchesterliederzyklus Quaderno di Strada in Graz, Wien, Madrid, Paris, Köln, Tokyo, Valencia, Toledo, Salzburg und Venedig unter der Leitung von Beat Furrer und Silvain Cambreling zur Uraufführung.
Neben dem Schwerpunkt zeitgenössischer Komponisten ist Otto Katzameier auch häufig in Händel-Partien zu erleben; so z.B. In den Händelfestspielen Halle in der Titelpartie des Imeneo oder jüngst in den Karlsruher Händelfestspielen in der Oper Almira in der Partie des Consalvo.
Eine CD Einspielung von „Quaderno di Strada“ unter Silvain Cambreling mit dem Klangforum Wien erscheint in Sept/Okt 05.
Von 2005 bis 07 wird Otto Katzameier in den Uraufführungen der Opern Galilei von Michael Jarrell an der Grand Opéra de Genève, Kälte von Salvatore Sciarrino in den Schwetzinger Festspielen sowie an der Opéra de Bastille, Paris, sowie Melancolia von Georg Friedrich Haas, ebenfalls an der Opéra de Bastille, Paris, mitwirken.


Salvatore Sciarrino
1947 in Palermo geboren, ist stolz darauf, frei und keiner Musikrichtung zuzuordnen zu sein. Er begann im Alter von zwölf Jahren als Autodidakt zu komponieren. 1962 kam es zur ersten öffentlichen Aufführung eines seiner Werke. Sciarrino betrachtet seine ersten Werke bis 1966 als harte Lehrzeit, in der sich sein persönlicher Stil entwickelte. Seine umfassende Werkliste wird in einem ständigen kreativen Prozess weiter entwickelt. Nach Abschluss der klassischen Schulbildung und einigen Jahren des Universitätsstudiums übersiedelte Sciarrino 1969 nach Rom und 1977 nach Mailand. Seit 1983 lebt er in Città di Castello.
Unter anderem komponierte er für das Teatro alla Scala, RAI, den Maggio Musicale Fiorentino, die Biennale di Venezia, das Teatro La Fenice, die Oper von Genua, die Arena di Verona, die Oper von Stuttgart, La Monnaie (Brüssel), die Oper Frankfurt, Concertgebouw (Amsterdam), das London Symphony Orchestra, Suntory Hall (Tokyo) und für folgende Festivals: Schwetzingen, Donaueschingen, Witten, Salzburg, New York, Wien Modern, Wiener Festwochen, Berliner Festspiele Musik Biennale, Holland Festival, Alborough, Festival d'Automne à Paris, Ultima (Oslo).
Seine Werke von 1969 bis 2004 sind bei Ricordi verlegt und seit 2004 exklusiv bei RAI Trade. Sciarrino kann eine umfangreiche Diskographie vorweisen. Seine Kompositionen sind auf 70 CDs bei verschiedenen internationalen Labels erschienen.
Sciarrino schrieb einen Großteil seiner Opernlibretti selbst und hat darüber hinaus eine reiche Anzahl an Texten verfasst, die in dem Buch "Carte da suono" (DICIM - Novecento, 2001) zusammengefasst sind. Von besonderer Bedeutung ist ein interdisziplinäres Herangehen an die musikalische Form in seinem Buch "Le figure della musica, da Beethoven a oggi" (Ricordi 1998).
Er lehrte an den Konservatorien in Mailand (1974 - 1983), Perugia (1983 - 1987) und Florenz (1987 - 1996). Gleichzeitig leitete Sciarrino Fortbildungskurse und Meisterklassen, besonders hervorzuheben jene in Città di Castello von 1979 bis 2000.
Zwischen 1978 und 1980 war er künstlerischer Leiter des Teatro Comunale di Bologna. Er ist Mitglied der Akademie di Santa Cecilia (Rom), Akademie der Schönen Künste in München und der Akademie der Kunst (Berlin). Sciarrino ist Träger zahlreicher Preise. Die jüngsten: Prince Pierre de Monaco (2003) und Premio Internazionale Feltrinelli(2003).
Für 2006 arbeitet Sciarrino an der Oper "Da gelo a gelo" für die Schwetzinger Festspiele, die Opéra de la Bastille, Paris.
Archeologia del telefono
Die Archäologie der Gegenwart bewirkt einen beträchtlichen mentalen Kurzschluß. Unsere Zeit, die uns modern scheint, wird plötzlich in einen Zusammenhang gesetzt, welcher sie der Welt des Unbelebten überantwortet. Da nun entdeckt die Ironie die Gegenstände und belebt sie wieder, denn sie werden Teil eines Blickpunkts, der an anderer Stelle steht, vielleicht in der Zukunft: tatsächlich ist das Leben ohne Tod nicht vollendet. In gewissem Sinne muß jedes Ding durch das Werden hindurchgehen, um zu unserem Bewußtsein zu dringen. Ein schneidendes Licht ist nötig, um die eigene Identität vom Banalen zu befreien.
Meine Kompositionen neigen zum Verdorren, die Strukturen zur Selbstdarstellung, der Inhalt möchte Wirklichkeit werden, wenigstens zum Schein, während das Hören an einen Nullpunkt gelangt und wir Klänge und Stille verändert wahrnehmen. In "Archeologia del telefono" wechseln solistische Momente mit Stillständen ab, wo die Musik sich mit technologischen Signalen maskiert; sie bleibt zwar instrumental, verbirgt sich jedoch hinter neutralen Linienzeichen.
"Tempo di Policronio", die Anweisung steht am Anfang der Partitur, einem gewissen Wahnsinn entsprechend, der mir zueigen ist. Der antike Name (Policronio: der mehrere Geschwindigkeiten hat), der zu Beginn der byzantinischen Epoche in Mode war, verkörpert bestens die dimensionale Zusammenhanglosigkeit, wie sie von den aktuellen Technologien hergestellt wird.
Die Natur der technologischen Kommunikation ist unstet und zufällig. Die Leitung öffnet und schließt sich, erzeugt ein Ritual des Annehmens oder Verweigerns, eingebettet in eine völlig relative Erfahrung, relativ, insofern sie an jeder Art von Orten angeboten wird.
Freizeichen und Besetztzeichen finden Entsprechung in psychologischen Reaktionen und Zuständen belohnter oder frustrierter Erwartung. Die Dramaturgie des klanglichen Inhalts befindet sich immer innerhalb meiner Musik, manchmal allerdings erklärt sie sich und kommt nach außen (wie in "Efebo con Radio" und "Cadenzario"); da wird die Klangdramaturgie dann zu einer unverzichtbaren Übung, um unsere Konditionierungen bloßzulegen und auch darüber zu lächeln.
Wenn sie intelligent benützt wird, bringt uns die Technologie die prächtigen Früchte des menschlichen Denkens bis vor die Haustür. Doch werden wir alle mehr oder weniger vom trügerischen Mythos der Moden bestürmt, einem unwiderstehlichen Mythos, der von der Technologie hervorgebracht wurde, aber auch mit ihr identifiziert ist.
Tatsächlich ist es nicht die allerneuste Entdeckung, die uns modern macht: jede technologische Neuerung reduziert sich, sobald sie in den Medien erscheint, auf das Wesen des reinen Kommerzes. Ich gebe ein Beispiel. Nicht das neuste Mikrophon ermöglicht uns die absolut besten Aufnahmen. Es existiert keine künstlerische Modernitätsformel, obwohl viele Menschen das meinen. Wo der Fernsehbildschirm den Einzelnen aus dem Beziehungsleben isoliert und in seine Zelle gesperrt hat, raubt das Mobiltelefon nun auch noch unserem Sprechen die Phase des Nachdenkens. Das Geschwätz nimmt seinen Lauf, belegt jeden Augenblick. Das Verbindende der Zeit ist inzwischen aus berührungslosen Worten gewoben, nur aus einer Art Außenhaut von Dialog. Mit der scheinbaren Verfügbarkeit für die Anderen bewirken die Mobiltelefone eine unendliche Auffindbarkeit und verwandeln die Beziehungen in etwas Irreales aber Klebriges. Ich, der ich keinerlei Mobiltelefon besitze, beobachte ziemlich seltsame, weil einsame Verhaltensweisen: auf den Gehwegen äußert sich Besessenheit, die früher zuhause zum Ausdruck gekommen wäre, häusliche Dramen werden im Zug und überall wiedergegeben. Die Mehrheit der Italiener hat die Gehirnwäsche eines miserablen Fernsehens erlitten. Neuerdings halten die Italiener den Rekord im Gebrauch von Mobiltelefonen: ein Rekord aus Abhängigkeit und Verlust.
Ich weiß nicht, wer den ehrlichen Wunsch hegt, die Giftigkeit der Repetitoren zu erforschen. Im Fall der Mobiltelefone war schon von den ersten Modellen an (die heute schon darauf warten, für Antiquitäten gehalten zu werden) bekannt, daß sie das Hirn schädigen. Doch wir waren berauscht von den ersten Wellen, kümmerten uns nicht darum, und haben stattdessen das Rauchen verboten, dessen Gift seine Zeit hinter sich hat. Durch die globale Verbreitung des Mobiltelefons hat man die Möglichkeit, nie mit dem Reden aufzuhören, in einer illusorischen Art von Exklusivität, welche die Nähe ersetzt; im Moment herrscht große Verwirrung, oder vielmehr eine ätzende Vermischung von Marketing und Privatleben. Wir sind ständig in Erwartung eines Anrufs, der uns aus unserer gleichgültigen Einsamkeit reißen soll. Ein "persönlicher" Klingelton, der aus den offensichtlichen Feinheiten der Witzchen ausgewählt wurde. Zuviele Personen meinen, sie würden persönlicher, indem sie mit genau den gleichen Banalitäten spielen. Miauen, Vögelchen, Nostalgietelefone, ein unendlich reiches Schaufenster voller kurzer Klanganhaltspunkte, ehrgeizig und flüchtig, die exponiert werden einzig und allein, um den Nachbarn zu beeindrucken. Ich verfolge diese Apparate in meiner Vorstellung bis dahin, wo sie traurig und ernst auf den Regalbrettern eines Museums liegen werden.
(Salvatore Sciarrino, Mai 2005, aus dem Italienischen von Barbara Maurer)

Quaderno di strada
"Diese Musik zu spielen bedeutet vor allen Dingen, die Macht der Suggestion wiederzuentdecken. Natürlich zählen auch ihre formale Perfektion, die Suche nach der Klangfarbe, die Originalität. Dennoch geht das, was ich hier meine, weit über die normale Ausdruckskraft der Noten hinaus. Wir werden von der Musik bis an die Schwelle der Stille geführt, wo unser Ohr sich schärft und der Geist sich jeglichem Klangereignis öffnet, als würde er es zum ersten Mal hören. Die Wahrnehmung wird so erneuert und das Zuhören zu einem emotionalen Ereignis.
Sollten wir eine solche Erfahrung als direkte (oder tiefe) Kommunikation bezeichnen?
Ohne auf Orpheus und die mythischen Ursprünge der Musik zurückzugreifen, muß man hier wohl Disziplinen heranziehen, die der Musikwissenschaft derzeit fern liegen: die Psychoakustik, die Musiktherapie oder Studien über die Sprache der Tiere.
Der Zweck eines Notizheftes ist auch seine Bestimmung: sich mit Wörtern und Zeichen füllen. Oder: Wenn man die Welt entdeckt hat, beschlossen hat, einen kleinen Teil davon für sich zu behalten, wird das Heft geschlossen und beiseite gelegt.
Aus den Trümmern verlorengegangener Gesamtheit bilden sich weitere Zusammenhänge, andere Wege. Daraus schöpfe ich die Mittel, um meine Musik zu schaffen und diese Titel, die so viele Leute verblüffen. Ich besitze zahlreiche Magazine mit Texten, Magazine mit Titeln. Was ich sammle, hat nicht nur literarische Ursprünge, aber es kommt auch aus der Mündlichkeit, ebenso wie aus Inschriften oder Graffitis an Wänden.
Das Heft begleitet mich jeden Tag und ergänzt sich in der Metapher der Reise. Wir könnten einem Fehler erliegen, würden wir glauben, daß diese Metapher uns überall hin folgt; nein, wir sind, vielleicht, ihr Schatten.
quaderno di strada ist Otto Katzameier und dem Klangforum Wien gewidmet."
(Salvatore Sciarrino, Übersetzung aus dem Italienischen: Mirella Stefani, aus: Konzerthausprogramm Zyklus Klangforum Wien, 3. Konzert. 8.12.2003)
Francesco Filidei
Geboren 1973 in Pisa, beendete Francesco Filidei seine Musikstudien am Konservatorium Luigi Cherubini in Florenz mit Diplomen in Orgel und Komposition. Als Assistent an der Ecole normale supérieure und Organist am Dom von Pisa (1993 – 1995) belegte er Perfektionskurse bei Salvatore Sciarrino, Sylvano Bussotti und Giacomo Manzoni. Er gab Konzerte mit Werken von Franz Liszt, César Franck sowie eigenen Werken und viel zeitgenössischer Musik für Orgel und Klavier in Italien und außerhalb, 1998 bekam er das Taddei- und 2004 das Meyer-Stipendium. 1999 wurde er am Conservatoire National et Supérieur de Paris als Erstgereihter aufgenommen, um mit Frédéric Durieux und Michael Levinas (Analyse) zu studieren. Im Jahr 2000 absolvierte er den Kurs für Komposition und Informatik am IRCAM und 2004 den Kompositionskurs „voix nouvelles“ in Royaumont. 2003 war er Finalist des internationalen Orgelwettbewerbs von Saint Albans, 2004 erhielt er einen Ehrenpreis am internationalen Wettbewerb in Straßburg und den 2. Preis beim Wettbewerb in Viterbo.
Seine Werke werden herausgegeben vom Verlag Ars Publica und aufgeführt von diversen Ensembles wie Itinéraire, Alter ego, Cairn, Instant donné, Atelier XX, Nouvel ensemble modern, Ensemble orchestral contemporain, Rhizome, Intercontemporain, Percussion de Strasbourg. Aufgenommen wurden seine Werke von Radio France und Rai Tre.
Seit 2003 ist er Organist der Chapelle de la Médaille Miraculeuse in Paris und Assistent von Jean Guillou an der Orgel Van den Heuvel in der Kirche Saint Eustache in Paris. 2005 erhielt er sowohl das Diplom wie auch den ersten Preis für Komposition des Conservatoire National Supérieur de Paris sowie Aufträge für Gastvorträge bei IRCAM
2006 wird er als composer in residence an der Akademie von Schloss Solitude in Stuttgart sein.