ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [I.1]:
Arnold Schönberg | Hans Eisler
Hermann Beil · Sylvie Rohrer · Merlin Ensemble
Datum: 05.03.2008
Beginn: 19:00
Ort: Universität Mozarteum, Großes Studio, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Merlin Ensemble
Sylvie Rohrer, Sprechgesang
Hermann Beil, Regie
Martin Walch, Leitung & Violine, Viola
Programm
H. Eisler
(1898 - 1962)
Lieder auf Texte von Berthold Brecht 
H. Eisler
(1898 - 1962)
14 Arten den Regen zu beschreiben, op. 70 (1941)
für Flöte, Klarinette, Violine (Viola), Violoncello, Klavier
A. Schönberg
(1874 - 1951)
Pierrot Lunaire, 21 (1912)
Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds "Pierrot Lunaire", op. 21

Pierrot

"Wer seinen Lehrer nicht ehrt, ist schlimmer als ein Hund" - mit diesem chinesischen Sprichwort begann Hanns Eisler (1898-1962) seine Rede zum 5. Todestag Arnold Schönbergs (1874-1951). Der Schüler Eisler verdankte seinem Lehrer Schönberg das richtige Verständnis der musikalischen Tradition - und die Erkenntnis, dass "Vernunft, Phantasie und Gefühl keine Gegensätzlichkeiten sind, sondern das eine das andere produziere".
Die musikalischen Unterschiede in den Werken von Lehrer und Schüler können nicht größer sein, aber in ihrer Ernsthaftigkeit und in einer vom "Enthusiasmus geladenen Vernunft" berühren sie sich.
Eisler hielt seine Variationen "Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben", 1941 komponiert und zunächst als Musik zu einer Filmstudie (Musik zu dem bereits 1928 entstandenen stummen Dokumentarfilm "Regen" von Joris Ivens) gedacht, für sein bestes Kammermusikwerk. Er widmete es drei Jahre später seinem Lehrer zu dessen 70. Geburtstag. Die instrumentale Besetzung ist die des von Hanns Eisler zumindest in der Musik bewunderten "Pierrot lunaire". Eisler hielt sein op.70 für "Vierzehn Arten, mit Anstand traurig zu sein". Und Bertolt Brecht nannte Eislers "Regenlyrik sehr schön", sie habe etwas von chinesischer Tuschzeichnung.

Dem Mittelstück unseres theatralischen Konzerts sind fünf Lieder von Hanns Eisler mit Texten von Bertolt Brecht vorangestellt. Eisler war für Brecht ein streitbarer und wesentlicher Gesprächspartner. Bei ihrer letzten Begegnung verabschiedete sich Brecht von Eisler mit den Worten: "Entschuldige, ich habe nicht genug getan für Deine große Musik." Eisler wiederum hat sehr viel für Brechts Werk getan: Seine Vertonungen Brechtscher Gedichte, seine Schauspielmusiken (z.B. für Die Mutter, Die Maßnahme, Schweyk im Zweiten Weltkrieg, Leben des Galilei) geben dem Text, was des Textes ist und sind dennoch originelle Musik - "ebenso naiv und ebenso konstruktiv wie die anderen großen Komponisten des 18. Jhdts." (Brecht).
Das "Vielleicht-Lied", "O Fallada, da du hangest!", "Ballade von der ‚Judenhure' Marie Sanders", "Lied von der belebenden Wirkung des Geldes" und "Die Ballade vom Wasserrad" - diese Lieder sind ein musikalisch zwingendes Beispiel für Eislers Maxime "Der moderne Komponist muss sich in einen Kämpfer verwandeln".

Ein Kämpfer sein Leben lang, ein unbeirrter Prophet der Musik war Arnold Schönberg. Sein Melodram Dreimal sieben Gedichte aus Alberts Girauds "Pierrot Lunaire" (deutsch von Otto Erich Hartleben) für eine Sprechstimme, Klavier, Flöte (auch Piccolo), Klarinette (auch Bassklarinette), Geige (auch Bratsche) und Violoncello, op. 21 gilt als "eines der repräsentativsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts" (H.H. Stuckenschmidt). Schönberg komponierte das Melodram 1912 für die Schauspielerin Albertine Zehme. Salka Viertel schildert in ihren Memoiren "Das unberechenbare Herz" die Atmosphäre der Uraufführung in Berlin: "Da der Flötist kahlköpfig war, flehte Frau Zehme Schönberg an, niemand außer ihr solle vom Publikum gesehen werden. Schönberg entwarf daraufhin ein ausgeklügeltes System von Wandschirmen, welches die Musiker verbarg, Frau Zehme jedoch erlaubte, seinen Taktstock zu sehen. Das Publikum begrüßte den Pierrot - in riesiger Halskrause unter dem angemalten ängstlichen Gesicht und kokett dargebotenen Beinen - mit unheilvollem Murmeln. Ich bewunderte es, wie Frau Zehme ihre Nervosität beherrschte und ohne auf das Zischen und Buhrufe zu achten, mutig ein Gedicht nach dem anderen vortrug. Es gab natürlich auch fanatischen Beifall der jüngeren Zuhörer, aber die Mehrheit des Publikums war empört. Fünfzig Jahre später schrieb Edward (d.i.: Salka Viertels Bruder, der Pianist Eduard Steuermann) über diesen Abend: "Es ist nicht ungewöhnlich bei künstlerischen Ereignissen wie diesem, dass die Menschen, konfrontiert mit dem Neuen, gar nicht erkennen, wie tief sie berührt wurden. Die Kritiker waren empört, aber es ist doch unglaublich, dass nicht ein einziger das Genie Schönbergs erkannte'." Und in der Zeitschrift Der Sturm schrieb der Schriftsteller Alfred Döblin über die Uraufführung: "Das Konzert von Schönberg im Choralionsaal letzte Woche ist von einigen, der Mehrzahl der Berliner Musikkritiker zu groben Exzessen der Witzlosigkeit benutzt worden. Und man kann nicht sagen, dass die, die gar nicht schrieben, damit einen besseren Witz gemacht haben. Die Herren scheitern eben an der kleinsten Aufgabe. Sobald man sie zu einem selbständigen Urteil zwingt, versagen sie; was nicht im Trott der Konservatoriumsliteratur liegt, die einige von ihnen sicher vorzüglich gelernt haben, bleibt unverstanden. Subalterne Intelligenzen; mit der alleinigen Fähigkeit zur Pensionsberechtigung. Theoretisch ist diese Musik unangreifbar. Bleibt Schönberg. Ich habe ihn zum ersten Mal gehört. Hördauer vierzig Minuten, zu wundervollen Texten des Albert Giraud. Sie fesselt ungemein, diese Musik; es sind Klänge, Bewegungen drin, wie ich sie noch nicht gehört habe; bei manchen Liedern hatte ich den Eindruck, dass sie nur so komponiert werden können." Schönbergs Geschichte vom mondsüchtigen Narren skandalisierte und faszinierte also immer wieder: Ein amerikanischer Kritikerpapst sah in Schönberg den "grausamsten unter allen Komponisten" und Strawinsky hingegen erkannte in Pierrot lunaire "wahre musikalische Kultur". Pierrot ist bis heute eine Herausforderung geblieben, weil seine musikalische Eigengesetzlichkeit in Rhythmus und Klang, in Form und Bildhaftigkeit uns Interpreten vor eine Aufgabe stellt, für die es keine gewohnheitsmäßige Einübung gibt. Es ist ein autonomes Musikstück, das uns Zuschauern und Zuhörern ein "mehrdimensionales Bewusstsein" (Hans Zender) abverlangt. Auch in diesem Sinne ist Pierrot lunaire, wie der Schüler über seinen Lehrer einmal sagte, ein Zeugnis "musikalischer Wahrheit".
Hermann Beil