ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [I.2]
Datum: 05.03.2008
Beginn: 21:00
Ort: Universität Mozarteum, Großes Studio, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Österreichisches Ensemble für Neue Musik (OENM)
Johannes Kalitzke
Quattro Mani
Alice Rybak, Klavier
Susan Grace, Klavier
stadler quartett
Frank Stadler, Violine
Izso Bajusz, Violine
Predrag Katanic, Viola
Peter Sigl, Violoncello
Per Rundberg, Klavier
Programm
G. Crumb
(*1929)
Otherworldly Resonances (2003)
for two pianos
K. Ager
(*1946)
Gesang zur Nacht (1985)
für Sopran, Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier
A. Losonczy
(*1932)
Concerto (2008)
für Klavier und Ensemble
R. Febel
(*1952)
Messers Schneide (2007)
B. Furrer
(*1954)
Spur (1998)
für Klavier und Streichquartett
G. Crumb
(*1929)
Dream Sequence (Images II) (1976)


George Crumb, geboren in Charleston/West Virginia, studierte in den USA und in Berlin bei Boris Blacher. Der Pulitzer-Preisträger wurde 1965 Professor für Komposition in Philadelphia und ist keiner speziellen Schule zuzuordnen. Differenzierte Klangfarben, eingesetzt mit feinem Gespür für Stimmungen, sowie überzeugende kompositorische Strukturen und Prägnanz des Ausdrucks stehen stets im Dienste programmatischer Sinngehalte. "Otherworldly Resonances" für 2 verstärkte Klaviere ist in seiner Textur mit der "Music for a Summer Evening" verwandt. Wahrlich aus eine anderen Welt kommt das im besten Sinne verträumte Motiv des Stücks. Der Zauber der Wiederholung ist groß geblieben in dieser Musik. Immer bleibt das Motiv bestimmend, auch im heftigeren Mittelteil ("Celebration and Ritual"), ehe es gleichsam ins Licht entschwindet.

Der Komponist Klaus Ager, Mitbegründer des OENM, Gründer und drei Jahrzehnte lang künstlerischer Leiter der ASPEKTE, ist gebürtiger Salzburger. Der sich vielfältig für Neue Musik einsetzende Hochschulprofessor hat in seinem reichhaltigen Oeuvre zu einer sehr persönlichen Synthese zwischen Avantgarde und Tradition gefunden. Das gilt auch für den Liederzyklus "Gesang der Nacht". Ager vertonte hier Texte der deutschen Romantik. Texte, die an sich zeitlos und in eine unserer Zeit gemäße Musiksprache übersetzt sind. Ager zu seinem Stück: Gerade in "Gesang zur Nacht" (…) kann man eine Reihe von Elementen finden, die quasi semantisch verstehbar sind. Man findet auch Anklänge an bekannte Werke des 19. und 20. Jahrhunderts, die ihre spezifische Bedeutung in das Werk einbringen. Romantik wird nicht als schönes Waldesrauschen und Frühlingsweben verstanden, sondern als nächtliches Lebensgefühl der unstillbaren Sehnsucht und des Blicks in das Innere.

Andor Losonczy, gebürtiger Ungar und Wahl-Salzburger, ist einer der großen Stillen im Lande. Sein Oeuvre wächst und wächst und verbindet Expressivität mit Klangsinn. Nicht, dass die Form fehlen würde, aber "die Form beschreibt nichts mehr", so der Komponist im Gespräch über sein neues "Concerto für Klavier und Ensemble", das er sich selber in die Finger geschrieben hat. "Virtuosität macht Spaß", meint der hervorragende Pianist Losonczy. Natürlich ist es so, "dass das Klavier im Mittelpunkt steht. Am Ende gibt es eine relativ lange Kadenz. Das Ensemble, bestehend aus Bläsern und Schlagwerk, begleitet aber nicht nur, es ist ein ständiges Miteinander." Mehr will er über sein Stück nicht sagen, denn "Musik muss man einfach hören." Ein Blick in die Noten zeigt, dass die aparte Bläserbesetzung (2 Flöten, Oboe, 2 Klarinetten mit Bassklarinette, Fagott, Trompete und Posaune) und das Schlagwerk (Xylophon) den Solopart sowohl farblich unterstützen als auch akzentreich kontrastieren.

Reinhard Febel, geboren in Metzingen bei Stuttgart, studierte bei Klaus Huber in Freiburg, gilt spätestens seit der Aufführung seiner "Sinfonie" in Donaueschingen 1985 als einer der wesentlichen Komponisten seiner Generation und ist seit 1997 Professor für Komposition am Mozarteum. Febel zu seinem Stück "Messers Schneide": "Die Redewendungen "auf des Messers Schneide" oder auch "an einem seidenen Faden" (was ein anderer möglicher Titel gewesen wäre, der vielleicht die Linearität des Stückes gut beschriebe) bezeichnen beide außergewöhnliche, besondere Situationen. Jedoch ist ein solcher Zustand das Leben eigentlich immer: jederzeit kann alles Mögliche geschehen, kann ein Faden des zarten Gewebes reißen. Durch das Stück zieht sich eine einzige Melodie in den Sopranstimmen, die quasi unisono beginnt und sich dann nach und nach, ganz allmählich, gegen sich selbst verschiebt, dadurch Intervalle erzeugt, durch welche zwischen den beiden Stimmen ein immer weiterer Raum entstehen kann, bis nach der Mitte des Stückes die Kontinuität des Ganzen zu reißen droht. Was jedoch nicht geschieht. Die Instrumente sind eine einfache Begleitung. Die besonders im Schlagzeug verwendeten Glockenklänge sind von den Glocken einer altbayrischen Kirche transkribiert."

Auch der aus Schaffhausen in der Schweiz stammende Beat Furrer reiht sich würdig ein in die lange Liste bedeutender Wahl-Österreicher in der Musikgeschichte. Der Gründer des Klangforums Wien gehört zu den wichtigen Stimmen der Neuen Musik. Die Besetzung seines Stücks "Spur" erinnert an Schubert und Brahms. "Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit dem Klavierklang", so Furrer, "ist weniger der Bezug zu einer romantischen Tradition als vielmehr die Herausforderung, aus einer klanglichen Tradition mittels veränderter Perspektiven auszubrechen, die Tradition aufzusprengen, aus der Tradition etwas Neues zu gewinnen." Das bedeutet bei "Spur", dass traditionelle Besetzungen "wieder neu, anders erfahrbar werden". Ausgehend von der Satztechnik mittelalterlicher Mehrstimmigkeit, bildet "die rhythmische Strukturierung ein Netz, das (…) durchbrochen ist von den Streicherklängen". Pianistische Modelle werden bis zum Presto beschleunigt. Am Ende bleibt die reine Geste der Geschwindigkeit "Spur", so der Komponist, "ist ein Überbleibsel einer Bewegung: Spuren im Schnee, Bremsspuren …" Spuren verwehen, aber nie verschwinden sie spurlos.

In George Crumbs "Dream Sequence" kommt zu einem Klaviertrio reich besetztes, fernöstlich dominiertes Schlagwerk und das rare Instrument Glasharmonika, erfunden 1761 von Benjamin Franklin, für das Mozart und Donizetti komponierten, ehe es in Vergessenheit geriet und erst in unserer Zeit wieder entdeckt wurde. Der eigentümliche, aus der Stille kommende Klang der Glasharmonika passt zur meditativen Stimmung dieser TraumSequenz. "Schwebend, zeitlos, atmend, an einem Nachmittag im späten Sommer" schrieb der Komponist über die Partitur. Ein Klangspiel in magischen, hell-dunklen Farben soll entstehen.