ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [II.1]:
Datum: 06.03.2008
Beginn: 19:00
Ort: Universität Mozarteum, Solitär, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Risa Schuchter, Violine
Alexander Vavtar, Klavier
Detlef Mielke, Violoncello
Anja Zech, Klavier
Programm
A. Webern
(1883 - 1945)
Vier Stücke op. 7 (1910)
für Violine und Klavier
K. Penderecki
Miniatury (1958)
für Violine und Klavier
A. Schnittke
(1934 - 1998)
Sonate Nr. 2 (1994)
für Violoncello und Klavier
F. Cerha
(*1926)
Trio (2005)
für Violine, Violoncello und Klavier
A. Webern
(1883 - 1945)
Drei kleine Stücke, 11 (1914)
für Violoncello und Klavier
Anton Webern schrieb seine "Vier Stücke für Geige und Klavier" 1910, die Uraufführung fand im April 1911 mit dem Komponisten am Klavier in Wien statt. Anstatt eines Themas sind es die Beziehungen zwischen den Intervallen, welche vielfältig verwandelt die Stücke durchziehen. Stücke wie Aphorismen voll konzentrierter Emotion, die sich allerdings bewusst auf die Chromatik in Wagners "Tristan und Isolde" beziehen. Diese Chromatik wird zum strukturellen Ausgangspunkt, von dem ausgehend Webern zu eigener, völlig neuer Sprachfähigkeit der Musik findet.

Krzysztof Penderecki, der avantgardistische Himmelsstürmer der 60er-Jahre, hat sich seit einer Hinwendung zur Tradition den Zorn aller Hüter der heiligen Fortschritts-Ideologien zugezogen, erfreut sich aber der Gunst des konservativen Publikums. Über die Bedeutung der musikalischen Metamorphosen Pendereckis mag die Zukunft entscheiden. Die drei Miniaturen für Violine und Klavier sind ein frühes Werk aus dem Jahr 1959, da war die serielle Welt noch in Ordnung und der handwerklich immer meisterhafte Pole noch lange kein verlorener Sohn der Neuen Musik. Damals ließ er im Fahrwasser Weberns noch auf kleinstem Raum mit größter Konzentration seinen hoch entwickelten Sinn für Klangfarben spielen.

"Obwohl ich kein russisches Blut habe, hänge ich an Russland", schrieb Alfred Schnittke. "Vieles (…), was ich geschrieben habe, hängt mit deutscher Musik und der Logik zusammen, die sich daraus ergibt, Deutscher zu sein, obwohl ich darauf nicht unbedingt erpicht war (…) Meine jüdische Hälfte lässt mir keine Ruhe …" Der "Polystilist" Schnittke, der wesentliche Impulse für sein Schaffen nach dem 2. Weltkrieg in Wien bekommen hatte, zum gefeierten russischen Komponisten der Schostakowitsch-Nachfolge wurde und einen großen Teil seiner Werke in den letzten, von schwerer Krankheit gezeichneten Lebensjahren im Westen schuf, zählt längst zu den Großen der Musik des 20. Jahrhunderts. Die "Sonate Nr. 2 für Violoncello und Klavier" entstand als eines seiner letzten Werke 1994 für Mstislaw Rostropowitsch, der auch mit Irina Schnittke die Londoner Uraufführung spielte. Das Cello kommt gleichsam aus dem Dunkel und beginnt einen schwermütigen, sich zu größter Expressivität steigernden Gesang. Das Klavier beschränkt sich auf wenige, stützende Einwürfe; erst im leidenschaftlich bewegten ersten Allegro kommt es zu kurzen Dialog-Sequenzen. Voll herber, fast volksliedhafter Schlichtheit setzt das Largo ein, ehe tragisch anmutende, letztlich zurück zur Askese führende Aufschwünge einsetzen. Das kurze zweite Allegro bringt pochende Dramatik und mündet in den verzweifelten Abgesang, der am Ende in vollkommener Stille versickert.

Dem Wiener Friedrich Cerha gilt einer der Schwerpunkte dieses Festivals. Geboren 1926, begann er mit 6 Jahren Geige zu spielen und mit 9 zu komponieren. Nach dem Dienst in der Wehrmacht, den er in Dänemark zu Kontakten zum Widerstand nützte, brachte er sich 1945 als Bergführer in Tirol durch, ehe er ab 1946 in Wien nicht nur Komposition bei Alfred Uhl, sondern auch Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft studierte. Ab 1950 als Geiger und Mittelschullehrer tätig, lernte er weiter bei Josef Matthias Hauer, erhielt Förderungspreise und war 1956 bis 1958 bei den Darmstädter Ferienkursen. 1958 gründete er mit Kurt Schwertsik das Ensemble "die reihe" (Leitung bis 1983), unterrichtete von 1959 bis 1988 Komposition in Wien, gründete 1960 ein Ensemble für Alte Musik, war und ist international als Dirigent tätig. Aus den vielen Würdigungen seien der Große Österreichische Staatspreis 1986 und der für sein Lebenswerk verliehene Goldene Löwe der Biennale von Venedig 2006 heraus gegriffen.

Ausgehend vom Neoklassizismus, setzte sich Cerha ab den 50er-Jahren mit der Musik der Schönberg-Schule auseinander, als deren wohl bedeutendster und originellster Nachfolger er gelten kann. Um 1960 gelang ihm der Durchbruch in eine "ganz freie Klangwelt" (wie im Orchesterwerk "Spiegel"), später nahm er in seine unverwechselbar eigene Tonsprache wieder mehr traditionelle Elemente auf und beschäftigte sich mit außereuropäischen Modellen. Cerha ist einer der international erfolgreichsten Komponisten Österreichs und vertritt auch eine spezifisch österreichische, seit der Wiener Klassik ungebrochene Entwicklungslinie. Er hat mit "Baal" (Salzburger Festspiele 1981) eine der bedeutendsten Opern der Moderne geschrieben. In den letzten Jahren entstand eine beeindruckende Reihe von Stücken: Kammermusik, Konzerte, Vokal- und Orchesterwerke, in denen die Synthese zwischen der Tradition - zu der auch schon die Dodekaphonie gehört - und neuen Erfahrungen und Techniken mit vollendeter Meisterschaft durchgeführt ist. Dazu zählt auch das "Trio für Violine, Violoncello und Pianoforte", uraufgeführt 2007 im Wiener Musikverein. Der Komponist zu seinem Stück: "Der erste, knapp gehaltene Satz ist von energisch zupackendem Charakter, der zweite ein nachdenkliches Nachtstück, (…), der dritte Satz ist ein rasches, scherzoartiges Intermezzo. Im Finale wechselt zweimal ein energischer Abschnitt im Vierertakt mit einem gewissermaßen tänzerischen 6/8-Takt. Vor allem in den beiden letzten Sätzen war mir der leggiero-Charakter, das leicht und sparsam Hingetupfte, ein besonderes Anliegen, vielleicht auch weil mich die Beobachtung einer zähen Schwere in mancher gegenwärtigen Musik gelegentlich langweilt."

Anton Weberns "Drei kleine Stücke für Violoncello und Klavier", geschrieben 1914, wurden erst 1924 in Mainz uraufgeführt. Ursprünglich hatte der auch Cello spielende Webern seinem Lehrer Schönberg eine größere Sache angekündigt: "Mein Vater bat mich darum. Er hört gern Cello." Daraus wurde nichts und der Komponist bat Schönberg, "nicht unwillig zu sein darüber, dass es wieder etwas so Kurzes geworden ist." Entstanden waren Wunder an subtiler Klanglichkeit. Der einzelne Ton schließt "eine ganze Welt des Ausdrucks" ein. Im Grunde ist dies eine zutiefst romantische, von starken, expressiven Gefühlen geprägte, hochsensible Musik - aber eben in extremer Kürze formuliert.