ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [II.2]
Datum: 06.03.2008
Beginn: 20:30
Ort: Universität Mozarteum, Solitär, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Andreas Schablas, Klarinette
Nora Skuta, Klavier
stadler quartett
Frank Stadler, Violine
Izso Bajusz, Violine
Predrag Katanic, Viola
Peter Sigl, Violoncello
Programm
F. Cerha
(*1926)
Quintett (2004)
für Klarinette und Streichquartett
J. Widmann
5 Bruchstücke  (1997)
Henri Dutilleux
(*1916)
Ainsi la Nuit (1976)

Friedrich Cerha zu seinem "Quintett für Klarinette und Streichquartett": "Das Problem des Verhältnisses eines Einzelnen zu einer Gemeinschaft, das mich mein ganzes Leben beschäftigt hat und für mich verwurzelt ist in den von Nationalsozialismus und Krieg überschatteten Erlebnissen meiner Kindheit und Jugend, habe ich in meinen Opern ("Baal", "Der Rattenfänger", "Der Riese vom Steinfeld") konkretisiert. Seit 2002 hat mich das Aufgreifen dieses Verhältnisses in einem rein musikalischen Bereich besonders intensiv beschäftigt; es hat mich gereizt, die charakteristische Substanz eines Instruments einem Kollektiv gegenüberzustellen bzw. beides aufeinander wirken zu lassen." So entstanden ein Saxophon- und ein Violinkonzert, ein Werk für Posaune und Streicher und eben das Klarinettenquintett. Für letzteres standen zusätzlich Pate die Anregung einer Großbank, für das "Quatuor Ysaÿe" ein Streichquartett zu schreiben und eine "besonders schöne Aufführung des Mozartschen Klarinettenquintetts" mit Paul Meyer. Cerha ließ sich von Mozart nicht direkt beeinflussen, "was auch nicht schlimm gewesen wäre". Seine eigene Sprache ist frei von Mozart-Allusionen, aber "das klangliche Wechselspiel von Klarinette und Streichquartett" fesselte ihn.

Im ersten Satz ordnet Cerha "die Abschnitte symmetrisch um eine Achse." Der stürmische Anfang kehrt am Ende variiert wieder, dazwischen, vor und nach einem zentralen, Anfang und Ende verarbeitenden Teil "steht ein kantabler, lyrischer Charakter in langsamerem Tempo." Der zweite Satz ist "komplizierter - mit vielen Übergängen und freien Varianten." Anklänge an einen Floskel aus der Oper "Der Rattenfänger" haben damit zu tun, "dass ich, als ich das Stück in meinem Kopf erdacht habe, den Proben meiner Oper in Darmstadt beiwohnte und mich diese Floskel obsessiv verfolgte." Dass die Wurzel des melodischen Motivs, "das einmal in der Geige, einmal in der Klarinette auftaucht, schon in meinem ‚Netzwerk' aus den 60er-Jahren liegt, habe ich erst später entdeckt." Im dritten Satz gibt es in der Mitte "ein rhythmisches Spiel um den Ton g herum", in bewusster Erinnerung "an den Übergang in die Reprise des letzten Satzes von Haydns Symphonie Nr. 88, (…), den ich heiß liebe. Dass (…) kein Pasticcio, sondern ein organischer Formverlauf im Vielfältigen entsteht", ist ein wesentliches Anliegen Cerhas. Dem entspricht der vielgliedrige vierte Satz. "Am Ende steht ein Prozess der Auflösung, den man fast ‚heiter" nennen könnte."

Der 1973 in München geborene Komponist und Klarinettist Jörg Widmann studierte in seiner Heimatstadt; er tritt als Solist und Kammermusiker im klassisch-romantischen und im modernen Repertoire sowie mit eigenen Werken mit den großen Orchestern und Interpreten der Welt auf. Seit 2001 unterrichtet er Klarinette an der Musikhochschule in Freiburg im Breisgau. Komposition studierte er bei Henze, Hiller und Rihm und zählt zu den erfolgreichsten Komponisten seiner Generation, so werden seine Orchesterstücke bei den Salzburger Festspielen oder, wie zuletzt "Armonica" 2007, von Pierre Boulez und den Wiener Philharmonikern uraufgeführt.

Die "5 Bruchstücke für Klarinette und Klavier" sind Miniaturen, in denen die Möglichkeiten der Klarinette in bisher ungehörte, ja unerhörte Bereiche ausgereizt werden. Es sind die Klänge, nicht die Töne, die Widmann faszinieren. Zwischen der höchstmöglichen und der tiefstmöglichen Tonlage finden eigenwillige Klangfarbenspiele statt, wobei die lyrischen, sanften Seiten nicht zu kurz kommen. Es entsteht eine neue Variante von "Virtuosenmusik", die sinnlicher Reize nicht entbehrt, aber nie an der Oberfläche verweilt, sondern aus den verschiedensten Klangschattierungen Neues schöpft.

Der französische Komponist Henri Dutilleux, Rom-Preisträger 1938, mit Olivier Messiaen befreundet, Pianist, Chorleiter, Kompositionslehrer und Rundfunkmann, war immer einer der großen Außenseiter der Avantgarde. Gruppenbildungen lehnt er kategorisch ab. Seine stark persönlich gefärbte Musik mit ihrer reichen, von Zentraltönen ausgehenden, häufig modal gesteuerten Harmonik, ihrer klanglichen Raffinesse und ihrer Ausgewogenheit zwischen Klassizismen und Progressivität setzt sich gerade in letzter Zeit immer mehr in den Konzertsälen durch. Das relativ schmale Oeuvre besteht nur aus hervorragenden Werken. Messiaen hat ihn deshalb mit Paul Dukas verglichen, der in jeder Sparte der Musik nur ein Meisterstück schreiben wollte.

Das Streichquartett "Ainsi la nuit" (So ist die Nacht) entstand 1976 im Auftrag der Koussewitzky-Stiftung, ist dem Andenken an den Freund Ernest Sussmann gewidmet und zu Ehren von Olga Koussewitzky geschrieben. Das Stück besteht aus sieben Abschnitten, zumeist miteinander verbunden durch "Parenthesen", die bei all ihrer Kürze für den organischen Aufbau des Werks sehr wichtig sind, mit ihren Anspielungen auf Folgendes oder Vorausgegangenes. Das Prinzip der Erinnerung ist für alle Partituren des Komponisten bezeichnend. Satzbezeichnungen wie "Miroir d'Espace" (Raumspiegel) oder "Temps suspendu" (Aufgehobene Zeit) lassen ein inneres Programm ahnen, das Dutilleux jedoch keinesfalls offenbaren will. Die Überschriften der verschiedenen Abschnitte, ebenso wie der Titel des gesamten Stücks, beziehen sich auf ein bestimmtes poetisches oder spirituelles "Klima", haben aber keinesfalls anekdotische Bedeutung. Die sieben Abschnitte werden praktisch ohne Unterbrechung gespielt; eine einzige, aber wichtige Pause empfiehlt Dutilleux nach dem dritten Abschnitt.