ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [III.1]
Ensemble TIMF · Choe Uzong
Datum: 07.03.2008
Beginn: 19:00
Ort: Universität Mozarteum, Solitär, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Ensemble TIMF
Uzong Choe, Leitung
Karin Küstner, Akkordeon
Programm
U. Choe
(*1968)
Air (2005)
für Klavier und Streichquartett
H. Grassl
5 incontri (1995)
für Akkordeon und Streichquartett
T. Hosokawa
(*1955)
Memory (In memoriam Isang Yun) (1996)
für Klaviertrio
I. Yun
Streichquartett V (1990)
in einem Satz


Der Komponist und Dirigent Uzong Choe, ein Vertreter der jüngeren Generation fernöstlicher Musiker, begann früh mit dem Violinspiel, ehe er in Seoul, später an der Universität Mozarteum in Salzburg und in Paris Komposition studierte. Mehrfach preisgekrönt, ist er heute Professor für Komposition und Musiktheorie an der Seoul National University und Musikdirektor des Internationalen Musikfestivals Tongyeong. "Air" für Klavier und Streichquartett schafft mit mystischen, mitunter harten Klavierakkorden und sanften, sich gegen Ende in die Höhe zuspitzenden Streicherkantilenen eine sehr eigene, impressionistisch wirkende Atmosphäre, die an die doppelte Bedeutung des Titels denken lässt. Air kann ja wie in der Barockmusik üblich als französisches Wort für Arie verstanden werden und eine betont gesangliche Instrumentalmusik bezeichnen, ist aber ebenso das englische Wort für Luft. Das ganze Stück ist von weitem Atem getragen, die Assoziation zum Gesang stellt sich ebenso ein wie eine gewisse "Luftigkeit", die wiederum an Hosokawas Satz vom Ton, der aus dem Schweigen kommt und in das Schweigen geht, erinnert. Jedenfalls ist es auf neue Art und Weise der klanglichen Schönheit verpflichtete Musik voll poetischer, einer "Traumsequenz" sehr nahen Stimmung.

Der aus Südtirol stammende Herbert Grassl, einer der wichtigen und mit einer unverkennbaren eigenen Klangsprache begabten Komponisten Österreichs, lebt seit seinem Studium bei Bresgen und Schaeffer in Salzburg, war Leiter des OENM, unterrichtet am Mozarteum und arbeitet weltweit mit namhaften Künstlern zusammen. Seit 2008 ist er künstlerischer Leiter der Hofhaymer Gesellschaft. Die "5 incontri", 1995 vom OENM präsentiert, wurden oft gespielt (z, B. bei Wien Modern, Arditti Quartett, Musikverein) und auf CD veröffentlicht. Zu seinem Werk schreibt Grassl: "Es geht um Begegnungen zweier, vom Klangcharakter ebenso wie von der musikgeschichtlich -soziologischen Entwicklung her, völlig divergenter Klangkörper. Trotzdem gibt es zwischen dem Akkordeon und dem Streichquartett unvermutet auch erstaunliche Parallelen: die direkte manuelle Beeinflussung der Klangdynamik im Vergleich zur Bogenführung der Streichinstrumente, Tremoloeffekte mit dem Balg und die mit anderen mechanischen Aerophonen kaum auszuführenden dynamischen Übergänge und Akzente sind weitere Vorteile, die Integration mit den Streicherklängen zu erleichtern. Dies schafft - neben der reizvollen Aufgabe, soziologisch geprägtes Instrumentarium mit klassischem zu vermischen - genug Anreiz, sich kompositorisch mit diesem Instrument zu befassen. Dazu schaffen die spieltechnischen Entwicklungen des Akkordeons reizvolle Möglichkeiten. Dieses Zusammenspiel wird in diesen Stücken erprobt, wobei sich der Komponist vor allem um die Erarbeitung verschiedener Stimmungen bemüht: wechselhafte Zustände der Dichte und Auflockerung, der Starre und Dynamik, der Bewegung und des Stillstands, sowie das dichte Verzahnen der Klänge."

Auch der Japaner Toshio Hosokawa, einer der bedeutendsten lebenden Komponisten, verbindet in seiner Musiksprache westliche und fernöstliche Tradition mit der Neuen Musik in bezwingender Weise. Das Spannungsverhältnis zwischen westlicher Avantgarde und traditioneller japanischer Kultur prägte den 1955 in Hiroshima geborenen Musiker: "Die europäische Kunst sagt: Die Zeit soll nicht vergehen. Wie in den Kathedralen, die für die Ewigkeit stehen. Die japanische Kunst geht mit der Zeit und sagt: Vergänglichkeit ist schön. Der Ton kommt aus dem Schweigen, er lebt, er geht ins Schweigen zurück." Hosokawa studierte zunächst in Tokio, später in Berlin bei Isang Yun und in Freiburg bei Klaus Huber und Brian Ferneyhough. Hosokawa nennt seine Musik "eine Kalligraphie durch Töne in Raum und Zeit."
Das Stück "Memory" für Klaviertrio ist ein tönender Grabstein für Isang Yun, zu dessen Persönlichkeit und Werk Hosokawa ungeachtet aller koreanisch-japanischer Geschichts-Problematik eine tiefe Verbindung verspürt.

Das Leben des 1917 in Tongyeong/Südkorea als Sohn eines Dichters geborenen Isang Yun spiegelt die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Yun, der mit 15 Jahren zu komponieren begonnen hatte, war Volksschullehrer, Musikstudent in Tokio, im 2. Weltkrieg im antijapanischen Widerstand, wurde 1943 verhaftet und gefoltert, erhielt 1955 den Kulturpreis der Stadt Seoul, studierte weiter in Paris und in Berlin beim Schönberg-Schüler Josef Rufer, wurde in Deutschland zu einem der wesentlichen Musiker seiner Generation, 1967 nach einer Nord-Korea-Reise vom heimatlichen Geheimdienst entführt, wiederum gefoltert, wegen Landesverrats zu lebenslänglicher Haft verurteilt und 2 Jahre später nach internationalen Protesten freigelassen. Seit 1971 deutscher Staatsbürger, unterrichtete er bis 1985 Komposition in Berlin, wo er 1995 auch verstorben ist. Seine Werkliste umfasst über 100 Stücke, darunter 4 Opern, 5 Symphonien und Kammermusik. Er veröffentlichte auch Erzählungen und Essays.
"Ohne Kontur wäre Musik chaotisch. Wer Kontur finden will, kann sie in zeitlichen Abläufen finden, aber im Moment scheint die Kontur immer verwischt zu sein." Bezeichnend, dass Yun nicht von Strukturen, sondern von Konturen schreibt. Seine oft, auch im Falle der Streichquartette, in Zyklen entstandenen Stücke bilden gleichsam einen "Klangstrom", in dem die Erinnerung eine zentrale Rolle spielt. Yuns Musik ist in gewisser Weise vom konfuzianischen Ethos geprägt. Das "Streichquartett V" in einem Satz hängt in seinen "Konturen" eng mit den in zeitlicher Nachbarschaft entstandenen Quartetten IV und VI zusammen; alle drei Stücke sind eher heterophone Duos als Quartette im klassischen Sinn und zeichnen sich durch regen Wechsel von vier- und zweistimmigen Passagen aus. Die Verbindung von fernöstlichem Denken und tradierten europäischen Formen führt zu einer eigentümlichen, spirituell anmutenden musikalischen Sprache.