ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [III.2]
Datum: 07.03.2008
Beginn: 20:30
Ort: Universität Mozarteum, Solitär, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Kairos Quartett
Wolfgang Bender, Violine
Susanne Zapf, Violine
Simone Heilgendorff, Viola
Claudius von Wrochem, Violoncello
Programm
G.F. Haas
(*1953)
2. Streichquartett (1998)
G. Kühr
(*1952)
Con sordino (1995/96)
für Streichquartett
G.F. Haas
(*1953)
1. Streichquartett (1997)


Der österreichische Staatspreisträger 2007, Georg Friedrich Haas, studierte 1972 bis 1979 in seiner Heimatstadt Graz Klavier, Musikpädagogik und vor allem Komposition (u.a. bei Ivan Eröd und Gösta Neuwirth). Nahtlos folgte die Unterrichtstätigkeit an der Grazer Musikhochschule (1978-1997), dazu kamen 1981/83 weitere Studien bei Friedrich Cerha. Haas wirkte mehrmals bei den Darmstädter Ferienkursen, arbeitete am Pariser IRCAM und war Stipendiat der Salzburger Festspiele, wo er 1999 im Mittelpunkt der Serie "Next Generation" stand. Die Kammeroper "Nacht" wurde bei den Bregenzer Festspielen mit großem Erfolg uraufgeführt. In den letzten Jahren fanden Uraufführungen von Orchester- und Kammermusik u.a. in Stuttgart, Zürich, bei den Klangspuren in Schwaz/Tirol, bei den "Dialogen" in Salzburg, in Graz, Wien, Frankfurt a.M. und in München bei der Biennale statt. Die Liste erfolgreicher Aufführungen reicht mittlerweile bis Oslo und New York, die Liste der Werke schließt nahezu alle Sparten mit ein, sowohl Ensembles für Neue Musik als auch traditionelle Orchester und Kammermusikensembles spielen Musik von Georg Friedrich Haas. Daneben arbeitet der Komponist wissenschaftlich (u.a. Publikationen über Nono, Boulez und Alois Hába). Seit 2005 unterrichtet Haas Komposition in Basel, wo er nun auch lebt. Für 2008 ist die Uraufführung seiner neuen Oper "Melancholie" im Palais Garnier in Paris geplant.

Haas hat die Möglichkeiten der "etablierten wohltemperierten Skala" bald als Beschränkung empfunden und widmet sich seit Beginn seiner Laufbahn als Komponist der Mikrotonalität, wofür seine bei den Aspekten 2008 gespielten Streichquartette 1 bis 3 (es gibt mittlerweile 5) ein besonders eindringliches Beispiel bieten. Gerade seit dem 1. Streichquartett gewann die spezifische Klanglichkeit der eigenständigen Musiksprache von Haas neue Dimensionen aus intensiven Experimenten mit schwebenden Konstellationen der Obertöne. "Mit filigranen Klangstrukturen leuchtet die Musik des (…) Komponisten in die dunklen Zonen einer Gesellschaft, die das Andere, Fremde zunehmend ausgrenzt", so die vielleicht wagemutige, aber sich beim Hören der Stücke als schlüssig erweisende Deutung des Musikwissenschaftlers Reinhard Kager.

Zum "2. Streichquartett" schreibt der Komponist: " … es entstand auf Anregung des Wiener Konzerthauses für das Hagen Quartett - verbindet tonale, scheinbar historisierende Klangelemente mit mikrotonalen Verschiebungen, zeitlichen Dehnungen und Stauchungen und einem zum Teil virtuosen, flirrenden Klangbild. Immer wieder schimmert die Tradition durch, aber sie wird als etwas Verlorenes, Entferntes, Getrübtes wahrgenommen werden." Klänge, die aus mystischen Räumen kommen, sich verdichten, wie in einem fahlen Traum leuchten. Klänge, die sich in harte Akzente auflösen, aber aufs Neue, nach spielerischen Sequenzen, in einer gleichsam zeitlosen Atmosphäre, aber im alten Zauber der hohen Geigen entschweben.
Das "1. Streichquartett" wurde vom Arditti Quartett in Graz aus der Taufe gehoben. "Dem Werk liegen vier voneinander unabhängige Vierklänge zugrunde, die jeweils aus dem ersten, dritten, fünften und siebten Partialton der Obertonreihe und zum Teil oktavversetzt sind." schreibt Haas. Er arbeitet mit "ineinander verschachtelten Obertonreihen. (…) Analog der Spieltechnik des afrikanischen Mundbogens (…). Die Obertonakkorde selbst werden erst im Verlauf des Stückes wirksam, als Klang aus leeren Saiten und als in sich schwebender Akkord, indem zu den leeren Saiten der Einklang auf der benachbarten Saite gegriffen und im langsamen Glissando umspielt wird." Beschleunigung und Verlangsamung sind teils auskomponiert, teils wird die detaillierte Ausführung den Interpreten überlassen. Das Stück beginnt in einem faszinierenden Naturtonraum; Sphärenklänge, die an Vogelgesang erinnern. Diesen Klangraum verlässt Haas nicht, sondern erforscht ihn bis zum Äußersten. "Dadurch, dass die Instrumente nicht mehr in Quinten gestimmt sind, kann die reine Quinte wie jedes andere Intervall als Doppelgriff gespielt und in Glissandi verändert werden." Erst gegen Ende wird der Klang partiell tiefer und dunkler, Kontraste schaffen Expansion.

Der aus Maria Luggau in Kärnten gebürtige Gerd Kühr, ein weiterer international bedeutender österreichischer Komponist der Generation nach 1950, studierte Komposition bei Doppelbauer in Salzburg und Henze in Köln, Dirigieren bei Wimberger am Mozarteum und bei Celibidache. Seit 1995 lehrt er Komposition und Musiktheorie in Graz. Als Komponist erhielt er u.a. den Ernst Krenek-Preis der Stadt Wien, feierte große Erfolge mit die Tradition der "Literaturoper" neu belebenden Werken ("Stallerhof" nach Kroetz, 1. Münchner Biennale 1988, "Tod undTeufel" nach Turrini, Graz 1999). Seine Orchester- und Ensemblestücke werden zum Beispiel von Wien Modern, vom steirischen herbst und vom Schleswig-Holstein-Festival in Auftrag gegeben und mit prominenten Orchestern, Dirigenten und Solisten uraufgeführt.

Christoph Becher schrieb 1994 über Kühr: "Der Glaube an die Sprachfähigkeit grundlegender musikalischer Vokabeln und an die besondere humanistische Verantwortung des Künstlers in der Gesellschaft sind die wesentlichen Stützen der Poetik Gerd Kührs." Die Krebsform ist das tektonische Ideal des Komponisten, die "Geburt eines Werks aus einer winzigen Zelle" das strukturelle. Das Stück "Con sordino" (Mit Dämpfern) für Streichquartett bewegt sich an den Grenzen des Hörbaren. Was Becher vor 14 Jahren geschrieben hat, gilt auch dafür: "Kührs Vokabular basiert auf (…) Unübersetzbarem, da innermusikalischen Gesetzen Gehorchendem. Den Zeichen bleibt ein Geheimnis und dem Hörer die Aufforderung, diesem wachsam nachzuspüren." Kühr selbst zu seinem Stück: "Con sordino - eine musikalische Welt hinter einem (akustischen) Vorhang, eine Traumwelt?"