ASPEKTE 2008

TRAUM:Sequenz [IV.1]
Datum: 08.03.2008
Beginn: 18:00
Ort: Universität Mozarteum, Großes Studio, Mirabellplatz 1, 5020 Salzburg
Interpreten
Österreichisches Ensemble für Neue Musik (OENM)
Franck Ollu, Leitung
Programm
J. Widmann
...umdüstert...  (1999/2000)
M. Mochizuki
(*1969)
4 D (2003)
für Ensemble
G. Benjamin
At First Light 
for chamber orchestra of 14 players


Jörg Widmann stellt in seiner Komposition "…umdüstert…" für Kammerensemble die Modellierung des Klanges in den Mittelpunkt. Veränderung und ständiger Übergang sind die wesentlichen Prinzipien des Stücks. Das Ensemble wird wie ein einziges Instrument behandelt, fast wie eine Orgel. Klar formulierte Akkorde verwandeln sich in Geräusche, melodische Figuren in Klangflächen. Es entsteht eine Musik subtiler Verwandlungen. Dichte Passagen zerfallen gegen Ende in leise Fragmente. Das kann man als "auskomponiertes Verlöschen" bezeichnen; der Begriff "umdüstert" steht jedenfalls im Kontext der Romantik, erinnert an Novalis oder E.T.A. Hoffmann. Widmann, der als Klarinettist ganz besonders bei Schumann zu Hause ist, hat eine starke Affinität zu romantischem Empfinden, zu den Dunkelheiten der "Märchenerzählungen" und zum Mondlicht existentiell erfühlter Nächte. Dass er diese emotionale Welt in Klängen des 21. Jahrhunderts auszudrücken vermag, dass bei aller zeitgemäßer Textur immer das "ewig Menschliche" zentrales Thema künstlerischer Aussage bleibt, das ist wohl das Einzigartige an diesem jungen deutschen Komponisten.

Die in Tokio ausgebildete Komponistin Misato Mochizuki, Trägerin des Japanischen Staatspreises, lebt seit 1992 in Paris und arbeitet am IRCAM. Tristan Murail, der große französische Spektralist, ist ihr Lehrer und Mentor. Misato Mochizuki liebt nicht nur die so genannte ernste Musik, sondern auch klassische Unterhaltungsmusik, Techno, die Molekularbiologie, Mystik, Mythen und das pulsierende Leben ihrer Wahlheimat. Ihre bereits oftmals preisgekrönte und international erfolgreiche Musik ist voller Geheimnis und Rätsel und ein Versuch, die Welten zu verbinden. "4D" ist der erste Teil eines Tryptichons. Dazu die Komponistin: "Wie kann man etwas hörbar machen, was außerhalb der Wahrnehmung des Greifbaren liegt?" Misato Mochizuki nimmt Bezug auf die These des Physikers David Bohm über die Anwesenheit des Unsichtbaren in jeder sichtbaren Zelle. Danach "schafft sich der Raum in jedem Moment neu, intuitiv können wir in Ausschnitten die Existenz des Unsichtbaren erfassen (…), unsere Vernunft lehnt meist voreilig das Nicht-Wahrnehmbare im Nicht-Sein ab." Der Musik kommt seit jeher die Aufgabe zu, Unbewusstes auszuloten. Misato Mochizuki schafft dies mit unmittelbar in den Bann ziehender Ausdruckskraft.

Der Brite George Benjamin war einer der Lieblingsschüler Olivier Messiaens. Seit etwa 1980 ist eine Vielzahl von Werken entstanden, die sich rasch die internationalen Konzertpodien erobert haben. Der Komponist und Dirigent lebt in London und lehrt am Royal College of Music. Er gehört zu den wesentlichen Vertretern seiner Heimat in der Musik unserer Zeit. Seine Klangsprache zeichnet sich durch Gespür für dramatische Effekte und durch ausgefeilte, überaus farbige Instrumentierung aus. "At First Light" ist inspiriert von einem Gemälde des visionären englischen Malers William Turner aus dem Jahr 1822, "Northiam Castle". Ein bereits impressionistisch gesehener Sonnenaufgang spiegelt sich in romantischer Nebel-Landschaft rund um eine düster dräuende Burg. Benjamins Musik ist allerdings keine bloß illustrative Umsetzung des genialen Bildes in tönend bewegte Form, sondern die 14 Instrumentalisten verbinden mit überzeugendem Reichtum an Klangfarben den Vordergrund des Bildes mit dessen mystischem Hintergrund.